Donnerstag, 31. Oktober 2013

Oma Neumann - die Geschichte (noch unvollendet) Kapitel 1 - 11

Anfang


Jeden Morgen wartete Oma Neumann auf den Postboten. Kaum kam er mit seinem gelben Fahrrad in die Einfahrt, verließ sie den Platz am Fenster und eilte so schnell sie konnte zur Haustür,
„Guten Morgen, Herr Briefträger“, rief sie fröhlich. „Ist für mich etwas dabei?“
„Da wollen wir doch mal schauen!“ Herr Müller blätterte geschäftig in einem Briefstapel und tatsächlich, da war wieder so eine bunte Karte für Frau Neumann.
„Bitte schön!“
„Oh, danke schön. Ich freue mich so. Wissen Sie, Herr Briefträger, jahrelang habe ich keine Post bekommen, außer Rechnungen oder mal eine Todesanzeige.“
Herr Müller wusste das genau, denn seit langer Zeit brachte er die Post in den Asternweg.
Es hatte ihm immer wehgetan, die Enttäuschung der alten Dame zu sehen. Immer schaute sie ihm traurig hinterher. Dabei war sie eine so liebe Frau. Im Winter hielt sie stets einen heißen Kaffee für ihn bereit, sie wartete auf ihn, eilte zur Haustür und drückte im schnell einen kleinen Becher des herrlich heißen Getränks in die Hand. Er nahm dann einen kräftigen Schluck, viel Zeit hatte er ja nicht, bedankte sich und fuhr gestärkt weiter.
Dann hatte er eine Idee, wie er ihr eine Freude machen konnte. Er trug Postkarten zusammen, die er bei Freunden erbat. Er fragte in den Zeitschriftenläden nach alten Karten, die man nicht mehr verkaufen konnte. Irgendwann hatte er eine stattliche Anzahl zusammen. Er beschriftete sie alle mit der Adresse von Frau Neumann und verteilte sie dann unter seinen Freunden und Nachbarn, die er jeweils bat, ein paar liebe Worte zu schreiben und an einem bestimmten Tag in den Postkasten zu werfen.
„Eine Briefmarke habt ihr doch bestimmt übrig für eine nette Dame, die sehr einsam ist, nicht wahr?“
Niemand sagte ihm diesen Wunsch ab und so kam es, dass Frau Neumann viele bunte Karten erhielt, die liebevoll beschriftet oder bemalt waren.
Der Briefträger Müller hatte auf jede Karte ein Datum geschrieben, an dem sie abgeschickt werden sollte und so kamen sie nicht alle auf einmal, sondern nach und nach.

Frau Neumann wunderte sich, aber sie war glücklich. Liebevolle Grüße kamen von Menschen, die sie nicht einmal kannte. Manchmal stand ein Absender mit Adresse drauf, aber das kam nur ganz selten vor.
Sie liebte die Karten, jede für sich, denn sie alle hatten einen besonderen Wert für sie.
Eine jedoch war eine ganz besondere Karte. Ein Kind hatte sie geschrieben, Lotta.

Liebe Frau Neumann,
hier kommt ein lieber Gruß für dich. Meine Eltern meinten, dass ich schreiben sollte, weil sie gerade so wenig Zeit haben. Ich soll aber herzlich grüßen. Meine Oma ist vor kurzem gestorben und ich vermisse sie so sehr. Wenn ich darf, würde dir ich gern alles erzählen. Besuch uns doch mal!
Deine Lotta

Frau Neumann drehte die Karte hin und her, fand aber keinen Absender. Gern wollte sie der kleinen Lotta antworten, doch wie sollte sie das machen. Ihr war auch schon aufgefallen, das im Adressfeld auf den Karten immer die gleiche Handschrift war, nur die Texte waren von anderen Menschen geschrieben. Wer mochte dahinter stecken? Frau Neumann wusste es nicht und sie konnte es sich auch nicht denken.

Als der Briefträger Müller am nächsten Tag kam, erwartete Frau Neumann ihn schon ungeduldig.
„Herr Briefträger, ich habe eine Karte von einem Kind bekommen! Kennen Sie zufällig eine Lotta hier im Ort, es ist nämlich ein Poststempel von hier drauf“, fragte sie und sah den Briefträger erwartungsvoll an.
Herr Müller machte ein ernstes Gesicht und dachte nach.
„Ich könnte mal in der Schule nachfragen“, schlug er vor. „Vielleicht finde ich dort eine Lotta.“
Damit war Frau Neumann einverstanden, irgendwie musste man doch herausbekommen, wo die Kleine wohnte.
Herr Müller verabschiedete sich und versprach, morgen vom Ergebnis seiner Nachforschungen zu berichten. Dass er Lotta kannte, das musste er ja nicht sofort verraten.


Am nächsten Tag …
Frau Neumann saß beim Frühstück, sie stippte einen Zwieback in heiße Milch und ließ es sich schmecken. Zwieback war ihr Leib- und Magengericht, besonders seit sie ihre dritten Zähne hatte und damit gar nicht so gut klar kam. Sie hatte alles versucht, Haftcreme, Pulver für den besseren Halt, Vliesstreifen, die man kunstvoll unter dem Gebiss drapieren musste, nichts half so richtig.
Wie gern hätte sie mal wieder kraftvoll in einen Apfel gebissen oder einen Knochen abgeknabbert, das konnte sie vergessen. Aber Zwieback, Jogurt und Pudding ging immer und da Frau Neumann eine ganz Süße war, ergab sie sich in ihr Schicksal.
Es klingelte an der Haustür, für den Briefträger war es noch viel zu früh, sie hatte ja noch nicht einmal den Kaffee gekocht. Sie erhob sich schwerfällig und schaute aus dem Fenster. Vor der Tür stand ein großer Mann, den sie noch nie gesehen hatte.
Sie schob das Alpenveilchen zur Seite, öffnete das Fenster und rief:
„Guten Morgen, wollen Sie zu mir?“ Ihr Sohn hatte sie gebeten, niemals die Tür zu öffnen, wenn ein Fremder davor stand, man hörte ja so viel.
Der Mann kam jetzt zum Fenster, freundlich sah er aus, gar nicht gefährlich. Er stellte sich vor:
„Guten Morgen Frau Neumann, mein Name ist Heiner Wenzel, entschuldigen Sie, dass ich sie so früh überfalle. Aber ich muss gleich zur Schule und wollte Sie gern etwas fragen vorher.“
Der musste zur Schule? Er war doch viel zu alt dafür, so oft konnte niemand sitzenbleiben, dass er in dem Alter noch immer zur Schule gehen müsste.
„Dann fragen Sie, junger Mann“, sagte sie aber trotzdem recht freundlich. Schließlich konnte ihr nichts passieren und neugierig war sie auch.
„Meine Tochter, die Lotta, hat Ihnen eine Karte geschrieben und ganz vergessen, unsere Adresse dazu zu schreiben. Der Briefträger Müller hat es mir gestern gesagt und da wollte ich Sie doch persönlich gern einladen, uns mal zu besuchen.“
Frau Neumann staunte. Da kam der Herr Wenzel persönlich vorbei, das war ja ein Ding. Damit hätte sie nun nicht gerechnet.
„Das ist aber lieb“, sagte sie und strahlte den jungen Mann an.
„Wenn es Ihnen recht ist, dann komme ich nachher nochmal vorbei und wir besprechen alles. Wir würden Sie nämlich sehr gern in die Schule einladen.“
Die alte Dame stutzte, sie hatte sich also doch nicht verhört, er ging noch zur Schule.
Herr Wenzel grinste.
„Ich bin Lehrer an der Grundschule hier in der Nebenstraße“, verriet er und Oma Neumann lachte herzlich.
„Ach so!“, gluckerte sie und Herr Wenzel stimmte fröhlich mit ein. Er hatte sich doch gedacht, dass Frau Neumann da etwas durcheinander geworfen hatte.
„Dann kommen Sie doch heute Nachmittag auf eine Tasse Kaffee zu mir“, lud sie ihn ein und er stimmte zu.
„Bis nachher dann und vielen Dank!“
Er reichte ihr eine Visitenkarte durchs Fenster, Frau Neumann musste ein wenig angeln, um sie zu erreichen, nahm sie dann aber fröhlich an sich.
„Ich freue mich sehr!“, rief sie Herrn Wenzel nach und der winkte so lange, bis er um die Ecke verschwunden war.

Sie schloss das Fenster und setzte ihr Frühstück fort. Dabei überlegte sie, was sie dem netten Lehrer denn wohl anbieten könnte, wenn er später zum Kaffee kam. Ob er die kleine Lotta wohl mitbringen würde?
„Püfferchen“, rief Frau Neumann erfreut aus. „Ich werde Püfferchen backen, dafür habe ich alles im Haus und das wird ihm schmecken. Wenn er allein kommen sollte, dann würde sie ihm einfach einen Teller voll mitgeben für die Familie. Ja, so würde sie es machen. Sie setzten den Teig an, der ja eine Weile ruhen musste, wegen der Hefe. In der Zeit putzte sie im Wohnzimmer Staub und legte eine frische Tischdecke auf den Tisch. Voller Vorfreude schaltete sie das Radio ein und sang mit, wenn sie einen Schlager kannte. Sie hatte immer gern gesungen, doch seit ihr Mann nicht mehr da war, war sie nie wieder auf den Gedanken gekommen. Was waren das für herrliche Stunden gewesen, wenn Klaus am Klavier gesessen hatte und sie dazu gesungen hatte.
Fast hätte sie die Türklingel überhört, doch der Briefträger Müller wartete geduldig und freute sich, als er die Musik in Frau Neumanns Wohnung hörte. Eindringlich drückte er nochmals auf den Klingelknopf und jetzt hatte sie es wohl gehört, denn die Musik verstummte und die Tür wurde kurz darauf geöffnet.
„Herr Briefträger, wie schön“, rief Frau Neumann vergnügt.
Herr Müller lächelte.
„Moin, Frau Neumann, hat sich die Sache mit der kleinen Lotta geklärt?“
Frau Neumann nickte eifrig und erzählte ihm dann, was am Vormittag passiert war.
„Ich bin so aufgeregt und so froh und das habe ich nur Ihnen zu verdanken. Danke, Herr Briefträger, ehm, Herr Müller meine ich natürlich.“
„Nicht dafür, liebe Frau Neumann. Ich bin froh, dass ich helfen konnte. Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß mit dem Besuch und lassen sie mir ein Püfferchen übrig, die esse ich doch auch so gern“, schmeichelte er.
„Ehrensache“, versprach Oma Neumann.
Herr Müller drückte ihr noch eine Karte in die Hand und machte sich wieder auf den Weg. Frau Neumann holte ihre Lesebrille und setzte sich an den Küchentisch. Zunächst betrachtete sie das Bild. Diesmal war es eine bunte Herbstlandschaft. Die Karte gefiel ihr sehr, sie stammte von einer Katharina, die eine wundervolle geschwungene Handschrift hatte.
Sie schrieb:
Wir kennen uns nicht, liebe Frau Neumann, aber ich weiß, dass auch Sie allein sind und deshalb möchte ich einen herzlichen Gruß an Sie senden. Bunt wie das Herbstlaub soll ihr Leben sein und es soll viele kleine Lichtpünktchen haben, wie wenn die Sonne einen Regentropfen zum Funkeln bringt. Liebe Grüße von Katharina

Frau Neumann seufzte tief. Wie wunderbar war das, ihr Leben hatte sich verändert, spannend war es geworden, seit sie immer wieder diese schönen Karten bekam. Wenn sie doch nur wüsste, wem sie das zu verdanken hatte. Aber eigentlich war das egal, die Hauptsache war doch, dass sie wieder Freude am Leben bekommen hatte und heute Nachmittag würde sie Besuch bekommen, das war einfach nur … cool, würden die jungen Leute wohl sagen. Frau Neumann grinste, ja, sie fand das auch cool.

-
Um Punkt drei Uhr am Nachmittag stand Herr Wenzel vor der Tür, Frau Neumann hatte ihn schon kommen sehen und öffnete, bevor er die Türklingel drücken konnte.
„Da sind Sie ja, wie schön und die Lotta ist auch mitgekommen, ich freue mich!“, rief Frau Neumann begeistert und drückt dem Mädchen die Hand.
„Danke für die wunderschöne Karte, die du mir geschickt hast, Lotta!“
Lotta lächelte und hielt Frau Neumann einen kleinen Blumenstrauß hin.
„Die sind aus unserem Garten, mit einem lieben Gruß von meiner Mama!“
„Herbstastern, die liebe ich so. Sie sind wie kleine bunte Sonnen!“ Frau Neumann freute sich sehr.
„Aber nun kommt doch erst einmal in die gute Stube, wir wollen Kaffee trinken. Magst du einen Kakao, Lotta?“
„Ja, gern“, antwortete das Kind höflich.
Sie führte die beiden Gäste ins Wohnzimmer, wo der Tisch liebevoll gedeckt war.
„Bitte schön, nehmt Platz“, sagte sie und holte eine Glasvase aus dem Schrank.
„Ich hole nur schnell den Kaffee und stelle die herrlichen Blumen ins Wasser.“
„Ich helfe Ihnen“, schlug Lotta vor und folgte Frau Neumann in die Küche.
„Schön ist es hier, so gemütlich“, stellte sie fest.
„Magst du die Blumen versorgen, ich bringe den Kaffee ins Wohnzimmer und dann komme ich wieder zu dir, okay?“
„Klar, das mache ich.“
Kurze Zeit später saßen die drei Menschen, die sich gerade erst kennengelernt hatten zusammen am Tisch und plauderten miteinander so, als kennen sie sich schon lange Zeit. Herr Wenzel lobte die Püfferchen.
„Die schmecken so gut, genauso wie die von unserer Oma, nicht wahr, Lotta?“
Lotta, die gerade einen großen Bissen genommen hatte, nickte zustimmend.
Dann kam Herr Wenzel aber zu seinem Anliegen, das er am Morgen noch nicht ausgeführt hatte.
„Frau Neumann, wir würden Sie gern in die Schule einladen. Die Kinder schreiben gerade Geschichten mit dem Titel „Wie es früher war“.  Wir würden gern ein Interview mit Ihnen machen und Ihnen Fragen stellen zu der Zeit, als Sie ein junges Mädchen waren.“
Frau Neumann strahlte.
„Ein richtiges Interview, so wie im Fernsehen?“
„Ja, nur ohne Kamera“, lachte Herr Wenzel.
„Das klingt spannend, gern würde ich das machen. Aber … wie komme ich denn zur Schule?“
„Das ist kein Problem, wir vereinbaren eine Zeit und Lotta und ich, wir holen Sie dann ab und fahren sie auch wieder nach Hause.“
„Abgemacht!“ Frau Neumann reichte dem Lehrer die Hand und er schlug ein.
„Cool!“, rief Lotta erfreut und hielt ihre Hand in die Höhe. Frau Neumann schaute sie fragend an.
„Give me five!“, sagte sie und als Frau Neumann nicht reagierte, erklärte sie: „Das ist Englisch und heißt „Gib mir fünf“ und dann musst du auf meine Hand klatschen und sagen „Check“.“
„Ach so!“, kicherte Frau Neumann, klatschte auf Lottas Hand und rief fröhlich: „Check“
Die drei neuen Freunde plauderten noch lange miteinander, dann packte Frau Neumann die restlichen Püfferchen, bis auf drei, die sie für Herrn Briefträger Müller aufbewahren wollte, ein und gab sie Herrn Wenzel mit.
„Danke! Es war ein schöner Nachmittag und am nächsten Montag hole ich Sie dann in der großen Pause um viertel vor Zehn ab. Wir freuen uns sehr, dass Sie einverstanden sind.“
„Und wie ich mich erst freue“, versicherte Frau Neumann glücklich. Ein Interview, und das in ihrem Alter, meine Güte, was war das toll.

Bis zum Montag waren es noch vier Tage. Die Zeit nutzte Frau Neumann, um sich die alten Bilderalben anzuschauen, in den Briefen zu stöbern, die ihr ihre Freundinnen vor langer Zeit geschrieben hatten, sogar die alten Zeugnisse kramte sie raus und schaute nach, wie ihre Zensuren damals gewesen waren.
Immer wieder machte sie sich Notizen und es fielen ihr immer mehr Dinge wieder ein, die sie erzählen könnte. Das Spannende daran war aber, dass sie an so etliche Begebenheiten lange nicht mehr gedacht hatte. Es tauchten Bilder vor ihr auf, die sie glaubte vergessen zu haben und immer wieder musste sie laut lachen und manchmal auch weinen, wenn sie die Gefühle übermannten.
Auf jeden Fall war sie gut vorbereitet auf den Besuch in der Schule und sie nahm sich vor, auch danach noch aufzuschreiben, was ihr nun wieder eingefallen war. Vielleicht mochte es ihr Sohn eines Tages lesen oder der Enkel Sebastian, der mittlerweile auch schon erwachsen war und in Amerika studierte.

Am Sonntagmorgen rief Ulrich an, wie jeden Sonntag.
„Hallo Mutter, wie geht es dir?“, fragte er.
„Du glaubst ja nicht, was passiert ist, Ulrich, morgen gehe ich in die Schule“, erzählte Frau Neumann und ihre Stimme überschlug sich fast vor Freude.
„Das war so, ich habe eine Karte bekommen, nein ich habe ganz viele Karten bekommen, aber eine Karte, das war die von Lotta und die hatte vergessen, einen Absender draufzuschreiben und da hat der Herr Müller, du weißt ja, der Briefträger, der immer so nett ist – ja, da hat er für mich nachgefragt und dann kam der Herr Wenzel und hat mich eingeladen und ich habe Püfferchen gebacken, die magst du doch auch so gern. Und dann haben wir uns für morgen verabredet und sie machen ein Interview mit mir, aber ohne Kamera und dann … „
„Halt, Mutter, ich verstehe nur Bahnhof, was ist mit den Püfferchen und warum bringst du die in die Schule?“
Frau Neumann lachte.
„Ulrich, ich bin eine coole Oma und ich werde in der Schule ein Interview geben, ohne Püfferchen.“
Sie erklärte alles noch einmal in Ruhe und Ulrich bestätigte ihr, dass sie eine sehr coole Mutter sei und dass er ganz besonders stolz auf sie ist.
„Wir kommen in der übernächsten Woche nach Hause und wollen dich gern besuchen, passt dir das?“
„Ja, sicher, ich freue mich und es gibt so viel zu erzählen und dann wollen wir ja auch noch meinen achtzigsten Geburtstag planen, stimmt’s?“
„Genau, das wollen wir und eine Überraschung haben wir auch noch für dich, aber die wird noch nicht verraten.“
Frau Neumann lachte.
„Da bin ich aber gespannt, mein Großer.“
„Bis bald, Mama, ich rufe dich morgen Abend nochmal an und frage, wie es in der Schule war und dann sage ich dir auch, wann wir kommen werden“, versprach er.
„Okay“, sagte Frau Neumann, „Give me Five!“
“Was hast du gesagt, Mutter?“
„Ach, das verstehst du nicht, ich erkläre es dir, wenn du kommst!“

--
In der Nacht zum Montag schlief Frau Neumann sehr unruhig. Sie war aufgeregt wie ein junges Mädchen vor ihrem ersten Rendezvous. Die Kleidung, die sie am nächsten Tag tragen wollte lag bereit. Fieberhaft hatte sie überlegt, was sie anziehen sollte. Sie war ja lange nicht ausgegangen und gekauft hatte sie auch schon ewig nichts mehr. Schließlich entschied sie sich für eine schwarze Hose, dazu die weiße Bluse und eine dunkelrote Weste. Ja, und dazu würde sie die Goldkette tragen, die sie von ihrem Mann zur goldenen Hochzeit geschenkt bekommen hatte.
Pünktlich um viertel vor zehn holte Herr Wenzel sie zu Hause ab.
„Guten Morgen, ich freue mich und die Kinder freuen sich auch schon auf den Besuch. Sie haben in der letzten Stunde die Fragen zusammengestellt und sind gespannt darauf, was Sie uns erzählen werden“, begrüßte der Lehrer sie.
Lotta war schon in der Schule und erwartete Frau Neumann ungeduldig.
Als sie den Wagen des Vaters vorfahren sah, ließ sie ihre Freundinnen stehen.
„Da bist du ja, ich freu mich so!“, rief sie und nahm Frau Neumann an die Hand.
„Komm, ich zeige dir alles!“
„Immer langsam, Lotta. Zuerst möchte ich mit Frau Neumann zum Lehrerzimmer gehen, die Pause dauert ja noch ein wenig. Danach kommen wir dann in die Klasse.“
Lotta zog eine Schnute, gehorchte aber dem Vater und gesellte sich wieder zu den Mitschülern.
Nachdem es zur nächsten Stunde geläutet hatte, folgte Frau Neumann Herrn Wenzel in den Klassenraum der dritten Klasse. Die Kinder standen von ihren Plätzen auf, als die beiden Erwachsenen das Zimmer betraten.
„Ich möchte euch Frau Neumann vorstellen. Wie ihr ja wisst, wird sie uns heute ein paar Fragen beantworten und ein wenig von früher erzählen.“
Der Lehrer bot Frau Neumann seinen Platz hinter dem Pult an und gesellte sich zu den Kindern.
„Guten Morgen, liebe Kinder“, begann Frau Neumann, ganz so, wie sie es von ihrer eigenen Schulzeit kannte. Sie machte eine kurze Pause.
„Guten Morgen, Frau Neumann“, antworteten die Kinder im Chor. Dann stellte ein Mädchen die erste Frage:
„Ich heiße Andrea und bin acht Jahre alt. Darf ich Sie Fragen, in welchem Jahr sie geboren sind?“, las sie von ihrem Spickzettel ab.
Frau Neumann lächelte, mit dieser Frage hatte sie auch wirklich als erstes gerechnet.
„Ich bin im Jahr 1934 geboren, werde also im nächsten Jahr meinen achtzigsten Geburtstag feiern.“
Die nächste Frage lautete:
„Welche Spiele haben Sie gespielt, als sie noch klein waren?“
„Oh, da gab es viele Spiele. Mein liebstes Spiel war Völkerball, kennt ihr das auch noch?“
„Ja, ja!“, riefen die Kinder und Herr Wenzel erzählte, dass dieses Spiel im Sportunterricht immer am Schluss einer Stunde gespielt wurde. Die Kinder liebten es sehr.
Frau Neumann fand das toll.
„Dann haben wir ja schon eine Gemeinsamkeit gefunden“, freute sie sich. „Es gibt noch weitere Spiele, die meine Freundinnen und ich liebten, dazu gehörte besonders auch das „Machet auf das Tor“. Zwei Mädchen fassten sich an den Händen und bildeten ein Tor, durch das die anderen Kinder laufen mussten. Dabei wurde ein Lied gesungen und plötzlich schloss sich das Tor und das Kind, das sich gerade darunter befand, war gefangen.“
Herr Wenzel schlug vor, dass man zum Abschluss dieses Spiel einmal spielen könnte, vorausgesetzt, dass Frau Neumann den Text noch kannte und das auch wollte.
„Klar, ich war immer gut im Auswendiglernen, das bekomme ich noch hin.“
„Prima, dann machen wir jetzt mal weiter mit den Fragen.“
Die Stunde war im Nu vergangen, viele Fragen wurden noch gestellt und es konnten gar nicht alle beantwortet werden. Deshalb bat Herr Wenzel um einen erneuten Besuch. Frau Neumann nahm das gern an und versprach, in der nächsten Woche wieder in den Unterricht zu kommen. Dann sollte das Thema der Schulzeit in ihrer Kindheit genauer unter die Lupe genommen werden.
Bevor sie jedoch verabschiedet wurde, spielten sie gemeinsam das Spiel vom Tor, Frau Neumann sang mit glasklarer Stimme:
Machet auf das Tor, machet auf das Tor,
es kommt ein goldner Wagen,
Wer sitzet denn darin, wer sitzet denn darin,
ein Mann mit braunen Haaren.
Was will-er, will-er denn, was will-er will-er denn,
er will die Liebste holen,
aus Po-o-len!
Die Kinder hatten viel Spaß und auf dem Schulhof ging es in der Pause gleich weiter. Frau Neumann wurde nach Hause gefahren und sie war glücklich, aber sowas von!



„Jetzt eine schöne Tasse Kaffee“, dachte Frau Neumann, holte sich ihren Lieblingsbecher aus dem Schrank und goss sich aus der Thermoskanne Kaffee ein. Zwei Stück Zucker und viel Milch gehörten für sie einfach dazu.
Sie setzte sich ans Fenster und beobachtete die Meisen, die immer wieder die Meisenknödel anflogen, pickten und dann wieder absausten, es war ein ständiges Kommen und Gehen.
Frau Neumann liebte diese kleinen bunten Gesellen und versorgte sie das ganze Jahr mit Futter.
„Davon muss ich den Kindern unbedingt erzählen“, beschloss sie und schon jetzt freute sie sich auf den nächsten Besuch im Unterricht. Sie dachte an die zurückliegende Stunde und an die netten Kinder, die ihr zugehört hatten. Das Leben konnte so schön sein. Plötzlich fühlte sich Frau Neumann auch gar nicht mehr so allein. Sie hatte eine Aufgabe bekommen und selbst wenn das eines Tages enden würde, so konnte sie sich daran immer wieder erinnern und wer weiß, vielleicht ergab sich ja dann eine neue Aufgabe für sie.
Die bunten Karten standen in einer hübschen Kiste auf der Küchenfensterbank. Frau Neumann nahm sie und las sie alle noch einmal, schaute sich die herrlichen Bilder an und bewunderte die teils ausgefallenen Marken, die sie zierten. Als Mädchen hatte sie mal Briefmarken gesammelt, die mussten doch noch irgendwo sein. Sie würde sie suchen, aber nicht heute.
Dann hielt sie die Karte von Katharina in der Hand, die ihr so liebevoll Lichtpünktchen geschickt hatte. Wieder bewunderte sie die herrliche Handschrift dieser Frau. Dies war eine der wenigen Karten, die einen Absender trugen.
„Ich werde ihr schreiben“, nahm sich Frau Neumann vor und diesen Gedanken setzte sie auch gleich in die Tat um.
Liebe Katharina, vielen Dank für die schöne Karte, die Lichtpünktchen sind bei mir angekommen und haben meinen Tag heller gemacht. Heute war ich in der Schule, man hatte mich eingeladen. Ich habe den Kindern von früher erzählt und wir haben gesungen und das Spiel vom goldenen Wagen gespielt. Kennen Sie das auch noch?
Sind Sie auch allein? Besuchen Sie mich doch einmal, das würde mich sehr freuen. Wie ich sehe wohnen Sie ja gar nicht so weit weg, vielleicht mögen Sie mich anrufen und wir reden mal. Darüber würde ich mich sehr freuen.
Viele Grüße, Ihre Luise Neumann
Sie faltete den Brief sorgfältig, steckte ihn in einen Umschlag und legte 58 Cent bereit, damit der Briefträger Müller ihn am nächsten Tag mit zur Post nehmen konnte.



Als Frau Neumann noch jünger war, hatte sie viel auf ihrer alten Schreibmaschine geschrieben. Sogar kleine Gedichte hatte sie verfasst und Geschichten festgehalten, die sie ihrem Sohn erzählt hatte, als er noch ein Kind war. Die Aufzeichnungen hatte sie alle in einen Ordner geheftet, der musste im Keller sein. Vielleicht war ja auch die Schreibmaschine noch da. Nach dem Mittagsschlaf machte sich Frau Neumann auf den Weg in den Keller.
Sie war ein ordentlicher Mensch und fand den gesuchten Ordner sofort in einer Pappkiste, die sie säuberlich beschriftet hatte. Auch die Schreibmaschine stand abgedeckt im Regal, doch diese nach oben zu befördern, das würde ihr wohl nicht gelingen, denn sie musste sich am Geländer festhalten, da sie manchmal etwas unsicher auf den Beinen war.
Sie würde den Nachbarn bitten, wenn sie ihn treffen sollte. Sie ließ also die Kellertür unverschlossen und machte sich mit dem Ordner wieder auf den Weg nach oben.
Es wäre prima, wenn sie wieder anfangen würde zu schreiben, jetzt, wo sie doch wieder etwas erlebte und es Menschen gab, die sich dafür interessierten.
Heutzutage schrieben ja alle auf dem Computer, das würde sie aber nicht mehr anfangen. Irgendwie machten ihr diese Dinger Angst, auch wenn sie es spannend fand, ihrem Sohn mal über die Schulter zu schauen, wenn er zu Besuch war und seine Post im Internet bearbeitete.
„Das kannst du auch, Mutter, ich zeige es dir gern!“, hatte er angeboten, aber sie hatte dankend abgewinkt.
„Lass mal, hinterher mache ich was falsch und dann bist du nicht in der Nähe. Dann kriege ich Panik, ich kenne mich!“
Vielleicht hätte sie doch … ach was, zum Schreiben brauchte man nur einen Stift und Papier, im günstigsten Fall auch eine Schreibmaschine, die hatte sie ja. Ob die allerdings noch funktionierte nach all den Jahren? Man würde sehen.
Wieder in der Wohnung angekommen legte Frau Neumann den Ordner in die Küche und ging erst einmal ins Bad. Es war doch staubig im Keller. Hände waschen war angesagt.
Beim Blick in den Spiegel über dem Waschbecken fasste sie einen weiteren Entschluss.
„Ich muss dringend zum Friseur, ein neuer Schnitt muss her. So gefalle ich mir gar nicht mehr.“
Sie wählte die Nummer ihres Friseursalons.
„Hallo, Luise Neumann hier, wann haben Sie Zeit für mich?“, fragte sie.
„Jederzeit, Frau Neumann, wir haben uns ja so lange nicht gesehen. Geht es Ihnen gut?“
„Bestens! Kann ich heute noch kommen?“
„Ja, hier ist gerade nicht viel los, kommen Sie nur!“
„Ich mache mich sofort auf den Weg, kann zwanzig Minuten dauern, ich bin ja nicht mehr die Jüngste!“ Frau Neumann lachte, die Friseurin auch, dann legten sie auf und fünf Minuten später war sie unterwegs.
„Neuer Schnitt, neues Glück“, flüsterte Frau Neumann, als sie das Haus verließ.



Freundlich begrüßte Nadine, die Saloninhaberin Frau Neumann.
„Sie sehen aber gut aus!“
„Ach was, ich bin eine alte Frau“, kicherte Frau Neumann.
„Schaun Sie doch nur mal meine Haare an, die sind schneeweiß und zottelig“, mit den Händen fuhr sie sich durch die Frisur.
Nadine lachte.
„Gegen die Zotteln kann man ja was tun, die Farbe finde ich allerdings genial. Daran würde ich sicher nichts ändern, liebe Frau Neumann.“
Nadine nahm ihr den Mantel ab und führte ihre Kundin zu einem Platz etwas weiter hinten im Salon.
„Damit Sie sich nicht erkälten, wenn die Tür aufgeht und der Herbstwind hineinweht“, erklärte sie.
„Sehr aufmerksam, vielen Dank.“
„So, was machen wir denn mit den Zotteln?“, fragte Nadine und wuschelte in Frau Neumanns Haaren herum.
„Ich würde vorschlagen, dass Sie mir einen schönen Kurzhaarschnitt verpassen. Was meinen Sie?“
„Gute Idee, dann haben Sie auch nicht so viel Arbeit damit und können sie gut pflegen.“
Nadine holte einige Zeitschriften und blätterte darin herum. Schnell hatte sie gefunden wonach sie suchte.
„Gucken Sie mal hier, würde Ihnen das so gefallen?“
Sie zeigte auf ein Modell, das ebenfalls schon etwas älter war. Die Haare waren im Nacken angeschnitten und die Decke war lang und glatt frisiert. Das Modell trug die Haar fesch hinter die Ohren frisiert und sah einfach nur toll aus.
„Ja, das gefällt mir. Meinen Sie, dass mir das steht? Oder ist das zu jugendlich?“
„Aber nein, auf gar keinen Fall, versicherte Nadine und steckte ein Handtuch in Frau Neumanns Kragen fest.
„Dann wollen wir mal!“
Frau Neumann genoss die Haarwäsche. Es tat gut, dass die Friseurin mit kreisenden Bewegungen die Kopfhaut massierte.
„Ach, ist das schön, das könnte ich lange aushalten“, lobte sie Nadine.
Dann wurden die Haare geschnitten.
Frau Neumann erzählte, was in den letzten Tagen so passiert war und Nadine hatte Spaß an der Geschichte.
„Halten Sie mich unbedingt auf dem Laufenden“, bat sie. „Es interessiert mich sehr.“

Nach einer knappen Stunde war die neue Frisur fertig. Frau Neumann betrachtete sich von vorn und hinten, von der Seite und wieder von vorn.
„Das haben Sie supertoll hingekriegt, liebe Nadine!“, lobte sie und ließ ein dickes Trinkgeld für die Friseurin da.
Das musste einfach sein, auch wenn sie nicht viel Rente bekam, aber das würde sie einfach woanders wieder einsparen. Frau Neumann kannte sich da aus, sie hatte schon schlechtere Zeiten überstanden.

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Kommentare:

  1. Finde ich prima mit dem extra Blog für Oma Neumann. Sag mal hast du da an mich gedacht, bei dem Satz über den Computer:" Lass mal, hinterher mache ich was mal falsch und du bist nicht da" hihi, aber ich habe ja jetzt meine Regina.
    LGLore

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    1. Ich denke immer an dich, liebe Lore,
      aber bei diesem Satz nicht, du kannst das doch alles ganz prima! :)

      Lieber Samstagsgruß
      REgina

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  2. Liebe Regina,
    ganz tolle Idee, die Oma-Neumann-Geschichte als eigenen Blog anzulegen!
    LG Calendula

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