Mittwoch, 30. Oktober 2013

Oma Neumann (Fortsetzung) Kapitel 12 - 14

12 - 14


Vergnügt betrat Luise Neumann ihre Wohnung, legte ihren Mantel ab, schaute in den Spiegel im Flur und strahlte sich an.
„Gut siehst du aus, Luise!“
Sie nahm das Bild ihres Mannes, das auf der Kommode stand und sagte:
„Ach Klaus, wenn du mich jetzt sehen könntest. Wie schön wäre es, wenn du noch bei mir wärest.“
Es war kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihren Mann gedacht hatte. Irgendwie hatte es sich immer so angefühlt, als wenn sie ihm bald folgen würde. Das war auch für sie in Ordnung gewesen, doch nun hatte sich die Lebensfreude in ihr wieder geregt und sie war davon überzeugt, dass es Klaus gefallen würde.
Sie seufzte und wischte sich kurz über die Augen.
„Ich werde mir nun erst einmal einen Tee kochen, dazu ein schönes Bütterchen und dann mache ich Feierabend!“
Sie musste über sich selbst lachen. Als Rentner Feierabend machen, das war schon lustig, aber es tat gut. Den ganzen Tag nur darauf zu warten, dass man am Abend wieder ins Bett gehen konnte, das war nicht lustig, ganz und gar nicht. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe um zufrieden zu sein.
Sie hatte nun wieder eine Aufgabe und das tat gut.
Für den nächsten Tag nahm sie sich vor Notizen zu ihrer Schulzeit zu machen, damit sie in der nächsten Woche in der Schule darüber erzählen konnte.
Die Schreibmaschine fiel ihr wieder ein, gleich am nächsten Tag wollte sie den Nachbarn bitten, sie aus dem Keller zu holen.
Jetzt trug sie aber erst einmal den Tee und ihr Butterbrot ins Wohnzimmer, machte es sich im Fernsehsessel gemütlich und schaute noch ein wenig fern. Es dauerte aber gar nicht lange, da nickte sie ein.
Sie träumte von ihrem karierten Wollkleid, das sie am ersten Schultag getragen hatte und das am Kragen so furchtbar gekratzt hatte. Aber es war chic gewesen und ihre Mutter war sehr stolz auf sie. Im Traum sah sie sich mit einer riesigen Zuckertüte, die sie aber nie besessen hatte, es waren schwere Zeiten.
Irgendwann wurde sie wach, weil ihr kalt geworden war. Sie schaltete den Fernseher aus, brachte das Geschirr in die Küche und machte sich bettfein.
„Ach Klaus, entschuldige, dass ich immer mit dir geschimpft habe, wenn du vor dem Fernseher eingeschlafen bist. Ich bin ja selbst nicht besser“, flüsterte sie und musste schon wieder lachen – wie gut das tat.
Zufrieden betrachtete sie sich noch einmal im Spiegel und dann legte sie sich schlafen, zog die Decke bis ans Kinn und  schlief sofort wieder ein.



„Das darf ja nicht wahr sein“, schimpfte Frau Neumann als sie am Morgen wach wurde und auf den Wecker schaute.
Halb neun, um diese Zeit hatte sie eigentlich längst gefrühstückt und das wichtigste im Haushalt erledigt. Als junges Mädchen hatte sie schlafen können bis in die Puppen, wie ihre Mutter immer gesagt hatte. Später hatte das nachgelassen und seit sie allein war und am Abend früh zu Bett ging, war sie eben am Morgen immer schon mit den Hühnern wach.
Sie schlug die Decke zur Seite, schlüpfte in die Puschen und ging ins Bad. Es war Dienstag, der Tag, an dem immer die Maria zu ihr kam und die Böden wischte.
Dafür hatte Ulrich gesorgt.
„Mama, lass dir doch helfen“, hatte er gesagt und sie hatte das dankbar angenommen. Alles andere schaffte sie noch gut selbst, aber das Wischen war ihr immer schwerer gefallen, besonders im Treppenhaus.
Schnell zog sie sich an, freute sich, dass es heute reichte kurz mit der Haarbürste durch die neue Frisur zu fahren. Sie sah noch immer prima aus.
„Luise, das war der beste Gedanke seit langem!“, jubelte sie.
Sie setzte Kaffee auf, dienstags immer ein paar Tassen mehr, denn mit Maria hielt sie gerne einen kleinen Plausch, bevor diese sich den Böden widmen konnte und Herr Müller sollte ja auch eine Tasse bekommen. Es war Herbst und morgens schon empfindlich kalt.
Der Brief an Katharina lag bereit, den sollte der Briefträger heute auf die Reise schicken.
Die Kaffeemaschine brodelte noch vor sich hin, als es auch schon an der Tür klingelte, aber es war nicht Maria, wie erwartet, sondern Lotta.
„Kind, was machst du denn hier, musste du nicht in die Schule?“
„Hallo, Frau Neumann! Ich muss erst um zehn da sein heute und da dachte ich, dass ich kurz mal Hallo sage.“
„Na, dann komm mal rein. Weiß denn deine Mutter, dass du bei mir bist?“, fragte Frau Neumann.
„Nein, die ist doch schon zur Arbeit gefahren und ich gehe dann immer allein zur Schule, ist ja nicht weit“, antwortete Lotta und nahm ihren Tornister vom Rücken, stellte ihn an die Garderobe und guckte in die Küche.
„Hier riecht es aber gut, gibt es Toastbrot bei dir?“, fragte sie und schaute die alte Dame verschmitzt an.
„Ja, magst du auch einen Toast essen?“ Frau Neumann hatte das Kind durchschaut.
„Gerne, mit Marmelade.“
„Dann setz dich doch, ich stelle nur schnell noch eine Tasse und einen Teller dazu, dann kann es losgehen!“
Lotta ließ es sich schmecken.
„Es ist viel schöner zu zweit zu frühstücken, stimmt’s?“, fragte Lotta.
„Klar, ich finde das auch schön. Aber du musst es deinen Eltern schon sagen, dass du hier warst und wenn du magst, dann darfst du gern öfter zu mir kommen, wenn Mama und Papa einverstanden sind.“
„Echt?“
„Ja, echt. Später bringe ich dich dann zur Schule. Wir müssen nur auf Maria warten, die kommt heute zum Putzen zu mir. Ach, schau, da kommt der Briefträger, dem will ich gerade einen Kaffee einschenken und einen Brief mitgeben, bin sofort wieder bei dir.“
Frau Neumann schenkte Kaffee ein, einen Löffel Zucker und viel Milch, so mochte Herr Müller ihn gern. Mit dem Becher ging sie zur Tür, da schellte es auch schon.
„Guten Morgen, junge Frau“, flötete der Briefträger.
Frau Neumann lachte laut auf.
„Sie sind ein Schelm, lieber Herr Müller.“
„Ich meine es ganz ernst, Sie sehen toll aus, neue Frisur?“
Frau Neumann errötete leicht, hatte sich aber sofort wieder gefangen.
„War mal nötig, nicht wahr?“
„Sie gefallen mir immer, aber heute eben besonders“, Herr Müller nahm einen Schluck Kaffee, dann noch einen und der Becher war leer. Er seufzte tief:
„Ach, wie gut das tut, danke schön!“
„Gerne, aber ich habe schon wieder eine Bitte. Nehmen Sie für mich einen Brief mit? Ich habe aber keine Marke, das Geld dafür gebe ich Ihnen mit, 58 Cent, stimmt doch, oder?“
„Stimmt genau, nehme ich gern mit und jetzt muss ich auch los. Einen schönen Tag wünsche ich!“
Weg war er, Frau Neumann lächelte, was für ein netter Mensch.
„War das der Briefträger Müller?“, fragte Lotta. „Der kommt bei uns auch immer, er ist nett.“
„Stimmt, er ist supernett. Magst du noch einen Toast?“
Lotta lehnte ab.
„Ich habe ja schon einmal gefrühstückt heute, mit Mama.“
Als Maria dann kam, standen die beiden neuen Freundinnen schon fertig angezogen im Flur.
„Maria, guten Morgen. Darf ich dir meine kleine Freundin Lotta vorstellen? Ich bringe sie schnell zur Schule und wir beide trinken dann später einen Kaffee zusammen. Ist das in Ordnung?“
„Aber sicher, geh nur, Luise. Ich halte die Stellung hier, bis gleich.“
Frau Neumann nahm Lotta an die Hand. Oder nahm Lotta die Frau Neumann an die Hand? Ist ja egal, Hauptsache war, dass sie zusammen gingen und aufeinander aufpassten.



Gerade hatte die große Pause angefangen, als die beiden am Schulhof ankamen. Sofort versammelten sich ein paar Kinder um Frau Neumann und Lotta.

„Bist du heute wieder bei uns?“, wollten sie wissen.

„Nein, Kinder, heute nicht, aber bald bin ich wieder mal in eurer Klasse. Jetzt muss ich schnell nach Hause, dort werde ich erwartet“, sagte sie und hielt ihre Hand in die Höhe. Nacheinander klatschten die Kinder ab und dann war Frau Neumann auch schon wieder verschwunden.

„Die ist megaklasse!“, rief Vitali. „So eine Oma hätte ich auch gern!“ Die anderen Kinder stimmten zu, ja, Frau Neumann war klasse.

Beim Bäcker zog ein verführerischer Duft Frau Neumann in den Laden.
„Mmh“, schnupperte sie. „Hier riecht es aber gut!“
„Das sind unsere frischen Zimtwaffeln“, erklärte die Verkäuferin und hielt Frau Neumann einen Teller hin.
„Probieren Sie mal!“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und nahm sich ein Stück, das sie sogleich in den Mund schob und mit Genuss verzehrte.
„Lecker, davon packen Sie mir doch bitte zwei Stück ein und dann nehme ich noch ein kleines Weißbrot“, bestellte sie. Dann erschrak sie:
„Ach herrjeh, ich habe ja gar kein Geld bei mir. Ich bin eben so schnell aus dem Haus gestürmt, da habe ich doch meine Tasche gar nicht mitgenommen.“ Bedauernd sah sie die Verkäuferin an.
„Das macht doch gar nichts, Frau Neumann, wir kennen uns doch. Bringen Sie das Geld einfach beim nächsten Einkauf mit“, schlug sie vor.
„Ich habe nicht so gern Schulden“, antwortete Frau Neumann, ließ sich dann aber doch überreden. Gleich morgen wollte sie das Geld bringen. Aber nun musste sie erst einmal nach Hause. Sie hatte schon ein ganz schlechtes Gewissen, dass sie Maria so lange allein gelassen hatte.
„Hallo, da bin ich wieder“, rief sie als sie die Wohnung betrat. Maria schaute mit dem Wischlappen in der Hand aus der Badezimmertür.
„Prima, ich mach das Bad fertig, dann komme ich in die Küche“, sagte sie und machte sich gleich wieder an die Arbeit.
„Heute gibt es eine leckere Zimtwaffel, meine Liebe“, erzählte Frau Neumann und freute sich auf eine schöne Tasse Kaffee. Der Vormittag war schon fast vorbei, aber kochen wollte sie ja heute nicht.
„Man muss auch mal sein Schema unterbrechen, Luise!“, sagte sie zu sich selbst.
„Was hast du gesagt?“, rief Maria aus dem Bad.
„Ach, nichts!“
„Das sagt meine Tochter auch immer, wenn sie etwas Freches in den Bart murmelt“, lachte Maria.
„Frech war es nicht, aber wahr“, lachte nun auch Frau Neumann und beschloss, rasch noch etwas Sahne zu schlagen, für die Waffeln, von wegen Schema unterbrechen und vernünftig sein – heute nicht.




(14)
Als ihr Sohn Ulrich am Abend anrief, hatte Frau Neumann jede Menge zu erzählen. Vom Besuch in der Schule und von Lottas Überraschungsbesuch zum Frühstück, natürlich auch von der neuen Frisur und allem, was ihr so in den letzten Tagen an Gedanken gekommen war.
„Das Leben ist spannend, lieber Ulrich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch einmal sagen könnte. Aber es hat sich so vieles verändert. Ich fühle mich einfach nur gut und wünsche mir, dass es so bleibt. Aber nun erzähl du mal – wann kommt ihr denn?“
„Wir würden gern am Samstag kommen und bleiben dann über Nacht bei den Schwiegereltern. Nach dem Frühstück kommen wir dann zu dir und machen uns einen schönen Tag zusammen. Mach dir aber keine Arbeit, ich lade euch zum Mittagessen ein und vielleicht können wir auch hinterher noch etwas zusammen unternehmen. Wir waren doch so lange nicht mehr am See“, schlag Ulrich vor.
„Prima, das hört sich gut an. Aber ich hätte noch eine Bitte an dich, kannst du meine alte Schreibmaschine für mich aus dem Keller holen? Ich würde so gern wieder was schreiben.“, bat Frau Neumann.
„Hmh, ob die noch funktioniert?“, fragte Ulrich. „Sicher ist das Farbband eingetrocknet und ob es da noch eines gibt, das ist fraglich. Ich lass mir mal was einfallen, Mama.“
Frau Neumann hatte ähnliche Gedanken gehabt, es aber nicht wahrhaben wollen. Es wäre ja auch zu einfach gewesen.
„Na gut, dann schauen wir einfach mal und sonst muss ich eben in ein Heft schreiben.“ Ihre Stimme klang traurig, auch wenn sie das gern verbergen wollte. Ulrich ließ sich nichts anmerken.
„Wir haben ja auch noch eine kleine Überraschung für dich, vielleicht entschädigt dich das, falls die Schreibmaschine nicht mehr funktioniert und es ist ja auch bald Weihnachten …“
Frau Neumann lachte.
„Dass ich daran nicht gedacht habe, dann werde ich das mal auf meinen Wunschzettel schreiben, oder?“
„Mach das und am Abend vor dem Nikolaustag legst du ihn auf die Fensterbank, damit das Christkind ihn auch bekommt. Weißt du noch, so haben wir es früher gemacht.“
Als Mutter und Sohn sich verabschiedet hatten, holte Frau Neumann das alte Fotoalbum aus dem Schrank und blätterte darin herum. Wie schön war die Zeit mit ihrem Mann und dem Jungen gewesen. Es kam ihr vor, als sie das alles noch gar nicht lange her. Sie freute sich darauf, Ulrich am Wochenende zu sehen. Auch mit ihrer Schwiegertochter verstand sie sich gut – wäre doch nur die Entfernung zu den Kindern nicht so weit.


 

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