Mittwoch, 4. Dezember 2013

Oma Neumann (18)

Mit einem fröhlichen "Hallo" wurde Frau Neumann am Donnerstag in der Schule empfangen. Die Kinder hatten sich schon sehr auf den erneuten Besuch gefreut und dass Frau Neumann nun noch leckere Kekse mitbrachte, das war die Krönung.

Herr Wenzel hatte mit den Kindern einen großen Stuhlkreis gebildet, so dass man gemütlich beisammen sitzen konnte und Frau Neumann durfte auf seinem Lehrerstuhl sitzen, da die Klassenstühle doch ein wenig unbequem für eine erwachsene Person waren.

"Heute möchte ich euch ein wenig von meiner Schulzeit erzählen", begann Frau Neumann. "Ich wurde im Frühjahr des Jahres 1940 eingeschult. Es war ein aufregender Tag für mich. Meine Mutter hatte mir einen Rock gestrickt und dazu passend eine Strickjacke. Dunkelrote Wolle hatte sie dafür erstanden und ich fand mich ganz toll. Meine langen Haare waren zu Zöpfen geflochten und an jedem Zopfende prangte eine dicke, weiße Schleife. Einen kleinen Ledertornister hatte ich bekommen, in dem steckte eine Schiefertafel und ein Griffelkasten. Aber das Wichtigste an diesem Tag war meine Schultüte. Ach war die herrlich!"

Die Kinder riefen durcheinander und wollten auch von ihren Schultüten erzählen.
"Einer nach dem anderen", ordnete Herr Wenzel an und rief Jonas auf.

"Ich hatte eine Schultüte mit einem Dino drauf!", erzählte er und Annika berichtete von ihrer Tüte:
"Meine war rosa und mit ganz vielen Prinzessinnen geschmückt"
"Wie sah Ihre Schultüte aus?", fragte Murat.
"Sie war rot, aus Ganzpapier und ein Tauschbild klebte darauf, ein kleiner Hund mit riesigen Augen und lustigen Schlappohren. Ich mochte Hunde immer so gern.", erzählte Frau Neumann.
"Und was war drin?", fragte Lotta.
"Ein Apfel, eine Tüte selbst gemachte Karamellbonbons, zwei Haarschleifen und eine Karte, die mein Großvater gemalt hatte. Er konnte wunderbar zeichnen und malen. Die Karte zeigte zwei Rehe auf einer Waldlichtung, heute hängt sie in meinem Wohnzimmer, fein gerahmt."

Herr Wenzel wollte gern wissen, wie viele Kinder eingeschult wurden, als Frau Neumann in die Schule kam.
"Es waren wenige, nur zwölf Kinder und wir hatten Unterricht zusammen mit der zweiten Klasse, also in einem Klassenzimmer. Unsere Lehrerin hieß Fräulein Böckmann, sie war sehr nett, aber streng. Ich hatte immer ein wenig Angst, dass ich etwas falsch mache und sie dann mit mir schimpfen würde."
Herr Wenzel lachte.
"Aber Sie waren doch sicher eine ganz brave Schülerin, oder?"
"Na ja, das kann man so nicht sagen, ich hatte auch so einige Scherze auf Lager und einmal musste ich sogar nachsitzen. Da hatte nämlich der Josef aus der Zweiten an meinen Zöpfen gezogen und ich habe so laut geschrieen, dass man mich im Lehrerzimmer hören konnte. Das war dann nicht so lustig, denn zu Hause bekam ich dann gleich noch einmal Schimpfe vom Vater, weil ich zu spät zum Essen kam."
"Das ist ungerecht!", rief Lotta. "Du konntest doch nichts dafür!"
"Wir haben uns wieder vertragen, der Josef und ich, er hat nie wieder an meinen Zöpfen gezogen und ich musste auch nicht mehr herumschreien. Ich habe es überlebt!"
Frau Neumann lachte bei der Erinnerung an diese Begebenheit, dann ließ sie die Plätzchendose kreisen und schon war die Zeit mit den Kindern wieder zu Ende.
"Kommen Sie wieder?", fragte Herr Wenzel und alle Schüler riefen:
"Oh ja, bitte, kommen Sie bald wieder!"
"Klar, ich komme ja viel zu gerne zu euch!"
Dann hatte es Frau Neumann plötzlich eilig, denn sie musste sich auf den Besuch des Sohnes vorbereiten und zum Markt wollte sie auch noch, Termine, Termine!
 

Kommentare:

  1. So hat Frau Neumann nun auf einmal sogar Stress und Termine :)
    Diese Geschichte hat mich gerade an meine Einschulung denken lassen - die große Schultüte, Süßigkeiten, ein Matchbox-Lastwagen und ein Quartett darin - später waren die Schultage leider nicht immer so glücklich wie dieser erste Tag hoffnungsfroh begonnen hatte ;)
    Lieben Gruß und bin gespannt wie es weitergeht
    Björn :)

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  2. Ach herje nun hat die Oma Neumann auf einmal Stress und ihr ruhiges Leben hat ein Ende, so ändern sich die Zeiten.
    Ich mußte auch an meine Einschulung denken, an Schiefertafel und Griffelkasten und den schweren Ledertornister.
    Das ich ein so schwächliches Kind war, wurde ich immer abgeholt, damit ich den Tornister nicht tragen mußte.

    Wie schön du die herliche Geschichte erzählst liebe Regina, vielen lieben Dank dafür.

    Einen gemütlichen Abend wünsche ich dir.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  3. Wieder so schön zu lesen ...freue mich jedesmal über die Geschichten ..
    Gruß vonner Grete

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